Clarice Lispector: die Übersetzungsreise

clarice lispector

Clarice Lispectors Auseinandersetzung mit der Sprache, sowohl als Schriftstellerin als auch als Übersetzerin, spiegelt ihr tiefes Verständnis für die transformative Kraft der Worte wider. Durch ihre Übersetzungen ermöglichte sie einen echten Austausch von Ideen und öffnete Lesern den Zugang zu den Gedankenwelten von Simone de Beauvoir, Agathe Christie und anderen Autoren.

Clarice Lispector wurde am 10. Dezember 1920 in der Ukraine geboren und wurde eine der berühmtesten Persönlichkeiten der brasilianischen Literatur. Als sie ein Jahr alt war, zog sie mit ihrer Familie nach Brasilien, um den Wirren nach Ende des Ersten Weltkriegs zu entfliehen.

Sie wuchs in einem lebendigen, multikulturellen Umfeld auf und entwickelte ein tiefes Verständnis für Sprache und ihre Nuancen. Nach ihrer Schulzeit studierte sie Jura und Philosophie. Dies bildete die Grundlage für die spätere philosophische Tiefe und den Reichtum ihrer Werke.

 

Ein literarisches Wunderkind

Clarice Lispector ist für ihren wichtigen Beitrag zur brasilianischen Literatur bekannt. Ihr erstes literarisches Werk, Nahe dem wilden Herzen, das 1943 veröffentlicht wurde, als sie gerade 23 Jahre alt war, markierte das Debüt einer unverwechselbaren Erzählstimme.

In diesem Werk reflektiert Joana, eine junge Frau, ganz im Stil existenzieller Zeitgenossen wie Camus und Sartre, über den Sinn des Lebens, die Freiheit, man selbst zu sein und den Sinn der Existenz.

Lispectors Erzählstil zeichnet sich häufig durch Introspektion, existenzielle Fragen und poetische Prosa aus, die über konventionelles Erzählen hinausgeht. Ihre Erforschung der menschlichen Psyche und existenzieller Fragen hat ihr einen einzigartigen Platz im Kanon der Literatur eingebracht.

 

Eine Übersetzungsreise

Obwohl der Ruf von Clarice Lispector vor allem auf ihrem Können als Romanautorin beruht, lohnt es sich, auch ihre zwar weniger bekannte, aber ebenso bedeutende Rolle als Übersetzerin zu beleuchten. Dank ihres sprachlichen Könnens übersetzte sie bedeutende Werke aus dem Französischen, Spanischen und Englischen ins Portugiesische und bewies damit ihre Fähigkeit, kulturelle und sprachliche Barrieren überwinden zu können.

Im Alter von 19 Jahren übersetzte Lispector bereits wissenschaftliche Texte aus dem Englischen. Danach übersetzte sie ein besonders wichtiges Werk, und zwar Das andere Geschlecht von Simone de Beauvoir.

Am 6. Juni 1952 veröffentlichte Lispector eine übersetzte Passage aus diesem Buch in einer Kolumne mit dem Titel Aprender a Viver (Leben lernen). In diesem ausgewählten Auszug wird die Geschichte einer Frau erzählt, die von ihrer ehelichen Beziehung und dem Älterwerden desillusioniert ist. Die Wahl dieser Auszüge bestätigt die These, dass Übersetzen ein absichtlicher, höchst flexibler und opportunistischer Akt ist, der von Grund auf sozial, historisch und persönlich ist und vom Kontext abhängt.

In einer anderen Kolumne mit dem Titel Entre Mulheres (Unter Frauen) machte sie ihre aus Europa mitgebrachten Ideen publik. Ihr Ziel war, einen kathartischen, psychotherapeutischen und erzieherischen Bewusstseinsraum zu schaffen, indem sie Fälle oder Erzählungen darüber präsentierte, wie sich Frauen verhalten sollten.

Dieses Bewusstsein scheint das Ergebnis einer Reflexion zu sein, die von Lektüre und Erfahrungen aus der Zeit beeinflusst ist, in der Lispector mit ihrem Mann in Italien, der Schweiz, England und den Vereinigten Staaten lebte, und die die Schwierigkeiten von Frauen aus ihrer sozialen Schicht thematisiert: weiße Frauen aus der Mittelschicht, die in vielen Fällen über ein hohes Bildungsniveau verfügen, aber keinen Zugang zu Arbeitsplätzen haben, die ihrer Ausbildung entsprechen.

 

Übersetzen und dabei versuchen, nicht zu betrügen

«Ich übersetze zwar, aber ich habe Angst davor, Übersetzungen meiner Bücher zu lesen. Ich bin es nicht nur leid, meine eigenen Sachen noch einmal zu lesen, sondern ich habe auch Angst davor, was der Übersetzer mit meinem Text gemacht haben könnte.

 

 

1963, vier Jahre nach der Scheidung von ihrem Mann, musste sich Clarice Lispector im Alter von 43 Jahren finanziell neu orientieren. Warum also nicht übersetzen?

In den darauffolgenden Jahren und bis zu ihrem Lebensende übersetzte sie Romane, Kurzgeschichten, Kinderliteratur und Theaterstücke.

Bei einem etwas erzwungenen Neuanfang im Jahr 1967 (sie hatte mehr als 20 Jahre lang nicht mehr übersetzt) verletzte sich die Autorin bei einem Brand so schwer, dass sie fast ihre rechte Hand verlor, was anscheinend ein Vorbote für die Herausforderungen war, die die nächsten zehn Jahre ihres Lebens bestimmen sollten.

In den 1970er Jahren zwangen neue finanzielle Probleme sie zu immer mehr Übersetzungen. Lispector übersetzte die unterschiedlichsten Werke von Autoren wie Agatha Christie, Edgar Allan Poe, Jules Verne, Jack London und Oscar Wilde.

Das Leben auf ihre eigene Art leben

Nachdem sie 1974 bei der brasilianischen Tageszeitung O Jornal do Brasil entlassen worden war, äußerte sie sich in einem Interview über ihre Übersetzungstätigkeit wie folgt:

«Das ist mein Lebensunterhalt. Ich respektiere natürlich die Autoren, die ich übersetze, aber ich versuche, mich mehr mit dem Sinn als mit den Worten zu verbinden. Sie sind meine ganz eigenen, ich wähle sie aus. Ich mag es nicht, wenn man mich herumschubst, mich in eine Ecke drängt und mir Dinge abverlangt. Deshalb war ich auch so erleichtert, als ich kürzlich von einer Zeitung entlassen wurde. Jetzt schreibe ich nur dann, wenn ich will.»

Clarice Lispectors Ausflug in die Welt der Übersetzung war kein bloßer beruflicher Zeitvertreib, sondern eine Ausweitung ihrer Leidenschaft für Sprache und ihres Engagements für die Förderung einer vielfältigen und intellektuell dynamischen Literaturlandschaft.

Ihre Übersetzungen waren keine mechanischen Reproduktionen, sondern künstlerische Bemühungen, die darauf abzielten, den Geist der Originalwerke zu bewahren und sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

 

Clarice Lispector starb am 9. Dezember 1977 an Eierstockkrebs. Ihr Tod markiert das Ende einer bemerkenswerten literarischen Karriere und hinterlässt ein Vermächtnis, das Leser und Schriftsteller auch weiterhin beeinflusst und inspiriert.

Das Vermächtnis der Autorin als Übersetzerin ist dabei mit ihrem Vermächtnis als literarisches Wunderkind verwoben. Es lebt nicht nur in ihren eigenen bahnbrechenden Romanen fort, sondern auch im Nachhall der übersetzten Werke, der bis heute in der portugiesischen Sprache fortbesteht.

Ihr Beitrag zur Welt der Übersetzung ist ein Beweis für die Idee, dass sprachliche Brücken, die mit Sorgfalt und Kunst gebaut werden, Kulturen, Ideen und Seelen über Zeit und Raum hinweg vereinen können.

Fanden Sie die Informationen über die Arbeit von Clarice Lispector als Übersetzerin in der Welt der Literatur interessant? Halten Sie sich im Blog von Traducta auf dem Laufenden, wenn Sie weitere Beiträge wie diesen lesen möchten!

 

Bibliographische Angaben:

Book Center Brazil. (18. Januar 2022). Clarice Lispector: Autora e tradutora. centrointernacionaldolivro.wordpress.com. https://bookcenterbrazil.wordpress.com/2022/01/18/clarice-lispector-autora-e-tradutora/

Center for Latin American & Caribbean Studies. (14. August2021). Literature: Rediscovering Clarice through translation. https://clacs.berkeley.edu/literature-rediscovering-clarice-through-translation

Silva, R. K. M. (2022). As traduções de Lispector e a divulgação da crítica feminista no Brasil. TradTerm, São Paulo, 41, 155–171.