{"id":39932,"date":"2024-04-03T09:07:23","date_gmt":"2024-04-03T09:07:23","guid":{"rendered":"https:\/\/traductanet.com\/latest-news-de\/clarice-lispector-die-uebersetzungsreise\/"},"modified":"2024-04-03T09:07:23","modified_gmt":"2024-04-03T09:07:23","slug":"clarice-lispector-die-uebersetzungsreise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/traductanet.com\/de\/latest-news-de\/clarice-lispector-die-uebersetzungsreise\/","title":{"rendered":"Clarice Lispector: die \u00dcbersetzungsreise"},"content":{"rendered":"<p>Clarice Lispectors Auseinandersetzung mit der Sprache, sowohl als Schriftstellerin als auch als \u00dcbersetzerin, spiegelt ihr tiefes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die transformative Kraft der Worte wider. Durch ihre \u00dcbersetzungen erm\u00f6glichte sie einen echten Austausch von Ideen und \u00f6ffnete Lesern den Zugang zu den Gedankenwelten von Simone de Beauvoir, Agathe Christie und anderen Autoren.<\/p>\n<p>Clarice Lispector wurde am 10. Dezember 1920 in der Ukraine geboren und wurde eine der ber\u00fchmtesten Pers\u00f6nlichkeiten der brasilianischen Literatur. Als sie ein Jahr alt war, zog sie mit ihrer Familie nach Brasilien, um den Wirren nach Ende des Ersten Weltkriegs zu entfliehen.<\/p>\n<p>Sie wuchs in einem lebendigen, multikulturellen Umfeld auf und entwickelte ein tiefes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Sprache und ihre Nuancen. Nach ihrer Schulzeit studierte sie Jura und Philosophie. Dies bildete die Grundlage f\u00fcr die sp\u00e4tere philosophische Tiefe und den Reichtum ihrer Werke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Ein literarisches Wunderkind<\/strong><\/h3>\n<p>Clarice Lispector ist f\u00fcr ihren wichtigen Beitrag zur brasilianischen Literatur bekannt. Ihr erstes literarisches Werk, <em>Nahe dem wilden Herzen<\/em>, das 1943 ver\u00f6ffentlicht wurde, als sie gerade 23 Jahre alt war, markierte das Deb\u00fct einer unverwechselbaren Erz\u00e4hlstimme.<\/p>\n<p>In diesem Werk reflektiert Joana, eine junge Frau, ganz im Stil existenzieller Zeitgenossen wie Camus und Sartre, \u00fcber den Sinn des Lebens, die Freiheit, man selbst zu sein und den Sinn der Existenz.<\/p>\n<p>Lispectors Erz\u00e4hlstil zeichnet sich h\u00e4ufig durch Introspektion, existenzielle Fragen und poetische Prosa aus, die \u00fcber konventionelles Erz\u00e4hlen hinausgeht. Ihre Erforschung der menschlichen Psyche und existenzieller Fragen hat ihr einen einzigartigen Platz im Kanon der Literatur eingebracht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Eine \u00dcbersetzungsreise<\/strong><\/h3>\n<p>Obwohl der Ruf von Clarice Lispector vor allem auf ihrem K\u00f6nnen als Romanautorin beruht, lohnt es sich, auch ihre zwar weniger bekannte, aber ebenso bedeutende Rolle als \u00dcbersetzerin zu beleuchten. Dank ihres sprachlichen K\u00f6nnens \u00fcbersetzte sie bedeutende Werke aus dem Franz\u00f6sischen, Spanischen und Englischen ins Portugiesische und bewies damit ihre F\u00e4higkeit, kulturelle und sprachliche Barrieren \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Alter von 19 Jahren \u00fcbersetzte Lispector bereits wissenschaftliche Texte aus dem Englischen. Danach \u00fcbersetzte sie ein besonders wichtiges Werk, und zwar <em>Das andere Geschlecht<\/em> von Simone de Beauvoir.<\/p>\n<p>Am 6. Juni 1952 ver\u00f6ffentlichte Lispector eine \u00fcbersetzte Passage aus diesem Buch in einer Kolumne mit dem Titel <em>Aprender a Viver<\/em> (Leben lernen). In diesem ausgew\u00e4hlten Auszug wird die Geschichte einer Frau erz\u00e4hlt, die von ihrer ehelichen Beziehung und dem \u00c4lterwerden desillusioniert ist. Die Wahl dieser Ausz\u00fcge best\u00e4tigt die These, dass \u00dcbersetzen ein absichtlicher, h\u00f6chst flexibler und opportunistischer Akt ist, der von Grund auf sozial, historisch und pers\u00f6nlich ist und vom Kontext abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>In einer anderen Kolumne mit dem Titel <em>Entre Mulheres<\/em> (Unter Frauen) machte sie ihre aus Europa mitgebrachten Ideen publik. Ihr Ziel war, einen kathartischen, psychotherapeutischen und erzieherischen Bewusstseinsraum zu schaffen, indem sie F\u00e4lle oder Erz\u00e4hlungen dar\u00fcber pr\u00e4sentierte, wie sich Frauen verhalten sollten.<\/p>\n<p>Dieses Bewusstsein scheint das Ergebnis einer Reflexion zu sein, die von Lekt\u00fcre und Erfahrungen aus der Zeit beeinflusst ist, in der Lispector mit ihrem Mann in Italien, der Schweiz, England und den Vereinigten Staaten lebte, und die die Schwierigkeiten von Frauen aus ihrer sozialen Schicht thematisiert: wei\u00dfe Frauen aus der Mittelschicht, die in vielen F\u00e4llen \u00fcber ein hohes Bildungsniveau verf\u00fcgen, aber keinen Zugang zu Arbeitspl\u00e4tzen haben, die ihrer Ausbildung entsprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u00dcbersetzen und dabei versuchen, nicht zu betr\u00fcgen<\/strong><\/h3>\n<p><em>\u00abIch \u00fcbersetze zwar, aber ich habe Angst davor, \u00dcbersetzungen meiner B\u00fccher zu lesen. Ich bin es nicht nur leid, meine eigenen Sachen noch einmal zu lesen, sondern ich habe auch Angst davor, was der \u00dcbersetzer mit meinem Text gemacht haben k\u00f6nnte.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>1963, vier Jahre nach der Scheidung von ihrem Mann, musste sich Clarice Lispector im Alter von 43 Jahren finanziell neu orientieren. Warum also nicht \u00fcbersetzen?<\/p>\n<p>In den darauffolgenden Jahren und bis zu ihrem Lebensende \u00fcbersetzte sie Romane, Kurzgeschichten, Kinderliteratur und Theaterst\u00fccke.<\/p>\n<p>Bei einem etwas erzwungenen Neuanfang im Jahr 1967 (sie hatte mehr als 20 Jahre lang nicht mehr \u00fcbersetzt) verletzte sich die Autorin bei einem Brand so schwer, dass sie fast ihre rechte Hand verlor, was anscheinend ein Vorbote f\u00fcr die Herausforderungen war, die die n\u00e4chsten zehn Jahre ihres Lebens bestimmen sollten.<\/p>\n<p>In den 1970er Jahren zwangen neue finanzielle Probleme sie zu immer mehr \u00dcbersetzungen. Lispector \u00fcbersetzte die unterschiedlichsten Werke von Autoren wie Agatha Christie, Edgar Allan Poe, Jules Verne, Jack London und Oscar Wilde.<\/p>\n<h3><strong>Das Leben auf ihre eigene Art leben<\/strong><\/h3>\n<p>Nachdem sie 1974 bei der brasilianischen Tageszeitung <em>O Jornal do Brasil<\/em> entlassen worden war, \u00e4u\u00dferte sie sich in einem Interview \u00fcber ihre \u00dcbersetzungst\u00e4tigkeit wie folgt:<\/p>\n<p><em>\u00abDas ist mein Lebensunterhalt. Ich respektiere nat\u00fcrlich die Autoren, die ich \u00fcbersetze, aber ich versuche, mich mehr mit dem Sinn als mit den Worten zu verbinden. Sie sind meine ganz eigenen, ich w\u00e4hle sie aus. Ich mag es nicht, wenn man mich herumschubst, mich in eine Ecke dr\u00e4ngt und mir Dinge abverlangt. Deshalb war ich auch so erleichtert, als ich k\u00fcrzlich von einer Zeitung entlassen wurde. Jetzt schreibe ich nur dann, wenn ich will.\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Clarice Lispectors Ausflug in die Welt der \u00dcbersetzung war kein blo\u00dfer beruflicher Zeitvertreib, sondern eine Ausweitung ihrer Leidenschaft f\u00fcr Sprache und ihres Engagements f\u00fcr die F\u00f6rderung einer vielf\u00e4ltigen und intellektuell dynamischen Literaturlandschaft.<\/p>\n<p>Ihre \u00dcbersetzungen waren keine mechanischen Reproduktionen, sondern k\u00fcnstlerische Bem\u00fchungen, die darauf abzielten, den Geist der Originalwerke zu bewahren und sie einem breiteren Publikum zug\u00e4nglich zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Clarice Lispector starb am 9. Dezember 1977 an Eierstockkrebs. Ihr Tod markiert das Ende einer bemerkenswerten literarischen Karriere und hinterl\u00e4sst ein Verm\u00e4chtnis, das Leser und Schriftsteller auch weiterhin beeinflusst und inspiriert.<\/p>\n<p>Das Verm\u00e4chtnis der Autorin als \u00dcbersetzerin ist dabei mit ihrem Verm\u00e4chtnis als literarisches Wunderkind verwoben. Es lebt nicht nur in ihren eigenen bahnbrechenden Romanen fort, sondern auch im Nachhall der \u00fcbersetzten Werke, der bis heute in der portugiesischen Sprache fortbesteht.<\/p>\n<p>Ihr Beitrag zur Welt der \u00dcbersetzung ist ein Beweis f\u00fcr die Idee, dass sprachliche Br\u00fccken, die mit Sorgfalt und Kunst gebaut werden, Kulturen, Ideen und Seelen \u00fcber Zeit und Raum hinweg vereinen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Fanden Sie die Informationen \u00fcber die Arbeit von Clarice Lispector als \u00dcbersetzerin in der Welt der Literatur interessant? Halten Sie sich im <em>Blog von Traducta<\/em> auf dem Laufenden, wenn Sie weitere Beitr\u00e4ge wie diesen lesen m\u00f6chten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliographische Angaben:<\/strong><\/p>\n<p>Book Center Brazil. (18. Januar 2022). <em>Clarice Lispector: Autora e tradutora.<\/em> centrointernacionaldolivro.wordpress.com. https:\/\/bookcenterbrazil.wordpress.com\/2022\/01\/18\/clarice-lispector-autora-e-tradutora\/<\/p>\n<p>Center for Latin American &amp; Caribbean Studies. (14. August2021). <em>Literature: Rediscovering Clarice through translation<\/em>. <a href=\"https:\/\/clacs.berkeley.edu\/literature-rediscovering-clarice-through-translation\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/clacs.berkeley.edu\/literature-rediscovering-clarice-through-translation<\/a><\/p>\n<p>Silva, R. K. M. (2022). As tradu\u00e7\u00f5es de Lispector e a divulga\u00e7\u00e3o da cr\u00edtica feminista no Brasil. <em>TradTerm, S\u00e3o Paulo<\/em>, 41, 155\u2013171.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clarice Lispectors Auseinandersetzung mit der Sprache, sowohl als Schriftstellerin als auch als \u00dcbersetzerin, spiegelt ihr tiefes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die transformative Kraft der Worte wider. Durch ihre \u00dcbersetzungen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":115,"featured_media":39921,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[1850],"tags":[2527,2293,2199],"class_list":["post-39932","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-latest-news-de","tag-clarice-lispector-de","tag-literarische-ubersetzung","tag-ubersetzung-de-2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/traductanet.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39932","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/traductanet.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/traductanet.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/traductanet.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/115"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/traductanet.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=39932"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/traductanet.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39932\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/traductanet.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/39921"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/traductanet.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=39932"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/traductanet.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=39932"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/traductanet.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=39932"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}